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Alexander Gauland ist einer der umstrittensten und erfolgreichsten Politiker Deutschlands. Seine Partei, die AfD, könnte bald zur zweitstärksten Kraft aufrücken. Der sensationell anmutende Aufstieg weckt Widerstand und Verunsicherung. Gauland erklärt sich im bisher ausführlichsten Interview.

Von Roger Köppel

Es ist heiss in Berlin. Das liegt nicht nur an der Sommerhitze, die auf dieser sandigen Topfebene besonders mitleidlos brennt. Die Politik brodelt, für deutsche Verhältnisse am Siedepunkt. Seit die Alternative für Deutschland (AfD) zweistellig in den Bundestag und in die Länderparlamente eingezogen ist, schneller als seinerzeit die Grünen, schütteln Fieberkrämpfe den Betrieb. Im Grunde gibt es nur noch zwei Parteien und eine Frontlinie: Alle andern gegen die AfD.

Für die Etablierten ist die AfD das grosse Ärgernis. Man redet über die Partei wie über eine geheimnisvolle Krankheit, die von wachsenden Teilen der Wählerschaft Besitz ergriffen hat. Die Medien brüten ratlos über Therapien. Die Gereiztheit ist enorm. AfD-Abgeordnete haben Mühe, an ihren Veranstaltungen Hotelzimmer zu bekommen. Parteimitglieder müssen mit Diskriminierungen rechnen, aber nicht nur sie.

Wie viel Deutschland soll es sein?

Als die Zeit-Journalistin Mariam Lau in einem Artikel kürzlich nur schon die Frage aufwarf, ob die privaten Seenothelfer im Mittelmeer wirklich alles richtig machen, geriet sie in einen regelrechten «Shit»-Orkan aus dem juste milieu. Ein Autor des Satiremagazins Titanic wollte ihr, täglich, brühendes Wasser ins Gesicht schütten. Eine linke Kollegin meldete sich mit nicht mehr zitierfähigen Beleidigungen. Brutal ahndet der Mainstream die kleinsten Abweichungen vom korrekten Denken.

Die AfD ist das Symptom einer politischen Klimaveränderung. Früher war es im offiziellen Deutschland tabu, die EU in Frage zu stellen. Die Europäische Union bildete nach dem Zweiten Weltkrieg eine Art Vaterlandsersatz für die Deutschen. Sie war auch die natürliche politische Rückfallposition, im Zweifel für Europa. Das hat sich seit der Euro-Krise geändert, mit dem Migrationsdebakel verschärft. Auf einmal ist die EU ein Problemverursacher, und in Deutschland kommen wieder Sehnsüchte nach dem Nationalstaat auf. Für diese Sehnsüchte steht die AfD.

Es geht ans Eingemachte. Die giftigen Debatten um und gegen die «Populisten» sind Identitätsdebatten. Es gibt einen neuartigen Richtungsstreit darüber, was Deutschland eigentlich sein soll: bruchlos eingefügter Legostein im europäischen Supernationalstaat? Oder aber souveräner Nationalstaat, der sich von der problembeladenen EU löst? Vermutlich finde viele Deutschen, man brauche wieder mehr Eigenständigkeit, weil die EU so offensichtlich krankt, aber das Nationale löst aus historischen Gründen bei den gleichen Leuten auch wieder tiefsitzende Befürchtungen aus.

Die Verunsicherung ist erheblich. Wo steht die AfD in dieser Kernfrage? Wie viel Deutschland soll es sein? Wie viel Europa braucht es noch? Will man zurück in die guten alten Bismarck-Zeiten, als ob es die beiden Weltkriegsniederlagen nie gegeben hätte? Wie ist vor diesem Hintergrund das schummrige Germanengeraune einiger Mitglieder zu werten? Wird die AfD von Rechtsextremen gekapert, oder aber sind das nur Verteufelungen «systemtreuer» Medien, wie die Ange-feindeten behaupten?

Wir reden über diese Fragen mit Alexander Gauland, dem Mitvorsitzenden und Mitfraktionschef der Partei. Gauland, Jahrgang 1941, ursprünglich Sachse, aber im Westen aufgewachsen, hat eine interessante Biografie. Er war jahrzehntelang Spitzenbeamter der CDU, Doktor der Rechte, angesehener Zeitungsherausgeber, Publizist und Buchautor. Zeitweise war er mein Mitarbeiter bei der Welt, ehe er dann, vor fünf Jahren, zur allgemeinen Überraschung die CDU verliess, um bei der Gründung der AfD mitzumachen.

Wir starten die Diskussion in seinem geräumigen Fraktionschef-Büro im Jakob-Kaiser-Haus, einem dieser typisch neudeutschen, historisch desinfizierten Glasgrossbauten irgendwo zwischen Privatklinik und Mausoleum, die auf den Besucher so seelenlos und steril wirken wie die Bundestagsdebatten vor dem Hereinbrechen der AfD. Nach einer guten Stunde verlegen wir uns ins gehobene In-Restaurant «Borchardt». Werden sie Gauland dort mit der Grillzange gleich wieder hinauskomplimentieren? Falsch. Wir werden ausgesprochen freundlich bedient, auch aus dem Urbanpublikum kommen keine Proteste.

Der AfD-Grandseigneur, Typus Landedelmann mit Tweed-Jacke und Manchesterhose, redet druckreif, immer unaufgeregt, fast stoisch, aber mit gelegentlichem Schalk und Charme. Er ist reflektiert, nachdenklich und reagiert offen auf Kritik. Das Alter ist ihm nicht anzumerken. Es könnte zutreffen, was ein langjähriger Kollege sagte: «Für Gauland ist die Politik ein Aphrodisiakum.» Vielleicht auch eine Verjüngungsdroge. Es folgt das wohl ausführlichste Gespräch, das Gauland, einer der umstrittensten und erfolgreichsten deutschen Politiker der Gegenwart, mit einer Zeitung je geführt hat.

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Was ist in diesem Moment Ihr wichtigstes politisches Anliegen ?

Dass sich Deutschland nicht so verändert, wie das Frau Merkel offensichtlich vorhat.

So wie sie die schwarzrotgoldene Fahne in die Ecke geschmissen hat,

so denkt sie über dieses Land,

und das entsprechende Handeln wollen wir ihr so schwer wie möglich machen.

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