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Ein Gastbeitrag von Frank Jordan

April 2017 – Im Rahmen seines World Economic Outlook widmet der Internationale Währungsfonds IWF dem Thema „Ungleichheit“ ganze 50 Seiten. Grob und in Kürze: Unter Ungleichheit wird hier in erster Linie der kleiner werdenden Lohnanteil am Gesamteinkommen der Volkswirtschaften (der IWF nennt es in Volksmärchenmanier „Volksvermögen“) verstanden. Der Befund: Lohnanteile verringern sich, Kapitalerträge erhöhen sich. Resultat: Ungleichheit. Der Bericht hat den Anspruch, „langfristige strukturelle Veränderungen“ zu untersuchen (Zeitrahmen 1991 bis 2014), während „temporäre konjunkturelle Entwicklungen“ aussen vor gelassen werden.

Die Hälfte der Schuld an der Ungleichheit wird beim technologischen Wandel verortet. Ausserdem bei der Globalisierung von Handel und Kapitalverkehr, bei Unternehmenssteuersenkungen und zu geringer gewerkschaftlicher Organisationsraten. Die Umkehrung der Diagnose dient denn konsequenterweise auch als Remedur: Gewerkschaftliche Organisationsdichte intensivieren, Steuern erhöhen, längerfristige Umverteilungsmassnahmen „im Sozialvertrag des Landes“ verankern und den Zugang zu Chancen und Gewinn besser verteilen.

Regionale und überregionale Medien berichten. Der Tenor: Der Kapitalismus hat versagt

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Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Geldschwemmen der Zentralbanken zur Verhinderung der von ihnen stimulierten Markteinbrüche durch platzende Blasen und zur Rettung ganzer Länder und sogenannt systemrelevanter Konzerne sind der Grund Nummer eins der grassierenden und sich zuspitzenden Ungleichheit. Wenn eine Zentralbank Geld druckt wie irr, dann profitieren in erster Linie jene davon, die es zuerst erhalten: Staaten, staatliche oder staatsnahe Firmen, Banken, Günstlinge aller Art. Kaufkraft wird von denen mit echt erarbeitetem „altem“ Geld weggenommen und durch diesen unnatürlichen Kanal auf die Empfänger neuen Geldes umgeleitet. Reiche Günstlinge – zu denen auch sämtliche Staatsangestellten wie die obgenannten Experten zählen – werden damit immer reicher, während der normale Rest der Leute ausgeblutet wird und einzig von höheren Preisen wie beispielsweise höheren Mieten, die die steigende Nachfrage nach Immobilien durch die Begünstigten zur Folge hat, „profitieren“ (Cantillon-Effekt). In Anbetracht dieser Tatsachen daherkommen und wider besseres Wissen dem Markt geschuldete Ungleichheit beklagen, ist an Arroganz und Verachtung für die so gern erwähnten „Menschen da draussen“ kaum zu überbieten.

Das allein wäre eigentlich Misere genug. Aber das Ganze geht tiefer. Die Frage lautet doch: Was soll hier aufgegleist werden? Und: Warum fühlen sich viele von dieser als „Wirtschaftspolitik“ verkauften Affekt-Massage angesprochen?

Zur ersten Frage:

Was die beiden beispielhaft angeführten Experten (es gibt ihrer Legion in Staatsdiensten) in obrigkeitszentrierter Verve und ohne auf jedweden theoretischen Unterbau angewiesen zu sein absondern, ist über der Realität schwebend. Hier soll eine Gesellschaft vordergründig erneut und ohne Rücksicht auf das Individuum einem höheren, heilsbringenden Zweck (Gleichheit) zugeordnet und vom „Diktat des Marktes“ erlöst werden. Das ganze durch pure Instrumentalisierung von Ressentiments, das den Faulen, Laschen, Bequemen und Feigen die nötige moralische Deckung für das Nicht-Wahrnehmen der Selbstverantwortlichkeit bietet. Der Markt ist „böse“, der Staat ist „gut“ – alle Macht dem Staat. Das und nichts anderes ist die Botschaft.

Dass die Versorgungskarrieren innerhalb des „sozialen“ Systems des Staats mit härteren Bandagen, unerbittlicher, liebloser, ignoranter, unwürdiger und vollkommen gleichgültig gegenüber den Bedürfnisse des Nächsten verfolgt werden als in jedem freien Markt, fällt nicht ins Gewicht.

Zur zweiten Frage,

was die Attraktivität etatistischer Rundumbetreuung ausmacht, könnte eine Antwort „Angst“ sein. Unter dem Label der Befreiung hat sich der Mensch in den letzten Jahrzehnten von allen hergebrachten Ordnungen von Staates Gnaden und ab Kindesalter emanzipieren lassen. Was Grund, Grenze und Halt war, ist zerbröselt, aufgelöst und so lange verpönt worden, bis nichts mehr blieb ausser Haltung und der richtigen Meinung. Aber sie allein im Verbund mit pervertierten „Menschenrechten“ und einem verkrüppelten Rest Markt spenden keinen Sinn.

Sie sind nur ein fadenscheiniges und schmalbrüstiges Wie – das Wozu, haben sich die Menschen nehmen lassen und geglaubt, es sei Freiheit: Klassische Familie, Geschlechtsidentität, Ehe, Traditionen, Sitten, individueller Glaube, Leistung, Eigentum, Verantwortung.

Da stehen viele – vollkommen nackt und losgelöst und allein wird die Freiheit der Selbstverantwortung und damit einer Marktgesellschaft als Bedrohung wahrgenommen und man klammert sich anhänglich wie Kleinkinder an die Hand des Staats, der vorgibt, unter dem Label einer „höheren Moral“ risikolose Sicherheit gewähren zu können. Der Mensch, zum Leben als selbstverantwortliche und freie Person bestimmt, hat sich selber zum fordernden, erwartenden und empfangenden Wesen zurück entwickelt.

Was hier läuft und was willig hingenommen wird ist die totale Abschaffung der Selbständigkeit, die Vernichtung der Freiheit.

Oder um es mit Tocqueville zu sagen:

„Eine gewaltige, bevormundende Macht erhebt sich über eine Menge vereinzelter und entfremdeter Individuen; sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinn haben, als sich zu belustigen. Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Betreuer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, vermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“

Wollen wir das? Es ist das „Ideal der komfortablen Stallfütterung“ (Röpke) und wir wissen, wie es läuft – 120 Millionen Tote als Resultat ähnlicher Ideal-Experimente sprechen eine deutlichere Sprache, als alle Worte es vermöchten.

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Quelle:

 

 

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